| WUNDERKAMMER_ UND ALLES FLEISCH WIRD ZU GRAS... |
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Kunst ist kein Luxus" – Wenn Entfremdung zur Kunst wird
Ob Fotografie, Installation oder Filzbild, Silke Andrea Schmidt begnügt sich nicht mit einfachen Aussagen über die vermeintliche Unvereinbarkeit von Mensch und Tier, sondern zeigt und ersetzt im Gegenteil die verloren gegangene Verbindung in ihren oftmals meditativ-verstörenden Arbeiten. So liegt ihren Kunstereignissen immer eine besondere Ästhetik zugrunde: Da mag auf trügerische Art die harmonische Kombination von industriell gefertigter Massenware und Naturfundstück funktionieren, doch der unvermittelt todesstarre Blick eines übergroßen Tierauges ruft mahnend plötzliches Unbehagen in Orwell'scher Manier hervor.
Manchmal wagen wir einen Blick
durch schmale Zeitfenster und Nadelöhre in sie hinein, aber auch nur
dann, wenn es uns passt und danach verlangt. Eine einseitige Beziehung,
die der anderen Hälfte keine Wahl lässt, dadurch aber beiden Schaden
zufügt. Nun ist der Mensch zwar Zerstörer aber auch Heiler, und
hoffnungsvoll appelliert die Künstlerin, die das fragile
Beziehungsgeflecht zwischen Homo sapiens und Mutter Natur nicht gänzlich
verloren geben möchte, an eine andere menschliche Spezialität–Kitt von
Menschenhand, Mull und Pflaster als wiederkehrende Symbole einer
heilenden Verbindung der kreatürlichen Welten. Silke Andrea Schmidt
inszeniert in schonungsloser Bildsprache das Tier als Ware und
industrielles Produkt und den Beziehungsverlust des Menschen zu seiner
natürlichen Umgebung (..) Text von Anna-Fee Neugebauer (Offenbach, 2006) im Isenburger Schloß in Offenbach am Main Hochschule für Gestaltung/Offenbach am Main In der Ausstellung in der spätgotischen Kapelle des Isenburger Schlosses wurde eine Vielfalt von eigenartigen, skurilen Objekten präsentiert, ein Füllhorn einer wundersamen Welt, die sich allein aufgrund der großen Anzahl der ausgestellten Objekte nicht sofort erfassen ließ. Die Arbeiten enthielten aktuelle Bezüge, Rückblicke, Konfrontationen, Rätsel. Sie waren eine Vermischung unterschiedlichster Kontexte und immer wieder verwiesen sie auf die Vergänglichkeit. Oftmals wurden Naturstoffe mit industriell gefertigten Materialien oder unscheinbaren Alltagsgegenständen kombiniert, die dadurch in einem neuen Licht erschienen. Allein der Anblick der gezeigten Naturmaterialien rief bei Betrachtern oftmals Verwunderung hervor, da diese nicht mehr in unserem Lebensumfeld präsent sind. So gab es etwa sieben Luftmatratzen, die vollständig mit Heu, Stroh, Federn, Rosshaar oder Blättern bedeckt waren. Die Ausnahme stellten Schaumstoffstückchen dar, die die Reihe der Naturstoffe unterbrachen und dadurch zusätzlich irritierten. Es erweckte den Anschein, als seien die Luftmatratzen Naturfundstücke, nur ihre Form gab einen Hinweis auf das Ursprungsobjekt, einen industriell gefertigten, unserer Wahrnehmung vertrauten Gegenstand. Es entstand eine eigenartige Dialektik, deren Ausgangsgedanke die Entfremdung des Menschen von seiner inneren und äußeren Natur ist. Inhaltlich war dies das Thema der gesamten Ausstellung, die auf ihre Art und Weise die Sicht der Welt im Kleinen gewesen ist. Die gezeigten Fotografien im Katalog zur Ausstellung “Wunderkammer” sind ebenso in diesem Kontext entstanden. Lebewesen und Objekte wurden durch Makroaufnahmen aus einem Blickwinkel gezeigt, der sehr überraschend wirkt, da er meistens verborgen bleibt, durch die geringe Distanz erhält das Abgebildete, eine Maulwurfpfote oder ein toter Vogel eine große Präsenz. Hinter der zunächst auffallenden Ästhetik der Bilder verbirgt sich auch hier fast immer die Anwesenheit des Vergänglichen.
Katalogtext von Dr. Petra Leutner, Juli 2002 „Tierkampfzone“ I. II. III.
Katalogtext von Andrej Tarkowskij, 1969 „Die versiegelte Zeit“ Zeit und Erinnerung sind einander geöffnet, sind gleichsam zwei Seiten einer Medaille.
Text von Christoph Schütte, FAZ, 2.07.2002 „Vergänglichkeit und Verfall” Die Ausstellung “Wunderkammer_und Ein klein wenig fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Denn Silke Andrea Schmidt hat in der spätgotischen Kapelle des Isenburger Schlosses in Offenbach tatsächlich so etwas wie eine Kunst- und Wunderkammer eingerichtet, wie sie in der Renaissance und im Barock an den Höfen populär waren. Nur daß diese Welt en miniature, so skurril und unüberschaubar sie erscheinen mag, deutlich die unsere ist. Die 1969 geborene Künstlerin, die mit “Wunderkammer - und alles Fleisch wird zu Gras” ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung vorgelegt hat, kombiniert natürliche und künstliche Materialien, Fotografien, vorgefundene und eigens angefertigte Objekte zu einer Sammlung aller möglichen und unmöglichen Dinge. Da gibt es Wolpertinger und totes Getier, Pflanzensamen und Vogelnester, Betten aus Stroh, Federn und Schaumstoff, Kissen aus Löwenzahnsamen oder Nerz und in Trichtern gefangene Fische. Schon der Titel verweist dabei auf ein zentrales Thema der Ausstellung: “Alles Fleisch wird zu Gras, und all seine Schönheit gleicht der Blume des Feldes: das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Hauch des Herrn sie anweht”, heißt es bei Jesaja. Doch Vergänglichkeit und Verfall alles Lebendigen ist nur ein Aspekt dieser Arbeit. Natürliche und industriell gefertigte Objekte stehen durch den Kontext, in dem sie präsentiert werden, in einem seltsamen Spannungsverhältnis. Etwas ist aus den Fugen geraten. Immer wieder tauchen als Material Mull oder Pflaster auf, als gelte es, heilend einzugreifen. Unaufdringlich, aber unübersehbar kündet diese Wunderkammer davon, wie fremd geworden ist, was einmal Natur hieß. Dieser Entfremdung ist die Künstlerin mit wachem, neugierigen und auch melancholischen Blick auf der Spur.
Text von Christine Nowak, Offenbach Post, 25.6.2002 „Panoptikum des Unbehagens“ „Wunderkammer-und alles Fleisch wird zu Gras...“ im Isenburger Schloß Das alte bayrische Sprichwort: “Siehst du einen Wolpertinger, sieh zu, dass du wegkommst...” sollte man hier nicht beherzen. Frontal begrüßt werden Besucher der Diplompräsentation von Silke Andrea Schmidt an der HfG von einer Reihung kleiner Wolpertinger-Skulpturen. Das Fabeltier, entspringt es doch alten Mythen des Volksglauben, ist eine obskure Mischung aus Nagetier, Huftier und Vogel. Wie viele andere Objekte der Präsentation sind es Leihgaben, auf welche die Künstlerin zufällig gestoßen ist und diese wurden nun in ihre Wunderkammer, ihr Sammelsurium, integriert. Kuriosität oder kitschiges Relikt, Morbides und Vergängliches, aber auch Sakrales kommen in den Räumen der spätgotischen Kapelle des Isenburger Schlosses zusammen. Passend der Titel: „Wunderkammer_und alles wird zu Gras...“ Es ist nicht nur eine Reminiszenz an die Wunderkammern, den ersten museumsartigen Einrichtungen, in denen zumeist Adlige ihre gesammelten Schätze ausstellten, sondern auch Ausstellungskonzept für die Arbeiten Silke Andrea Schmidts. Es sind jedoch nicht präparierte Krokodile, Schrumpfköpfe, menschlichen Embryonen oder naturwissenschaftliche Exponate ausgestellt, wie bei den großen Vorbildern der Wunderkammern des 15. und 16. Jahrhunderts. Dort wurde versucht, die Ordnung des ganzen Kosmos in einer Sammlung von Objekten darzustellen, die ein möglichst umfassendes Wissen über die Welt zeigen sollte. In den Wunderkammern drängten sich atemberaubend viele Gegenstände auf engstem Raum. Doch tritt in dieser Kuriositätenkammer das Einzelobjekt gegenüber dem Gesamtensemble, bestehend aus dem Raum, den Objekten und dem Konzept zurück. Das Konzept des Gesamtensembles wird auch hier in der Kapelle wieder deutlich. Eine regelrechte Materialschlacht hat Schmidt zu dieser Präsentation geleistet. Diese Masse fordert nun vom Betrachter ein langsames Entdecken der einzelnen Gegenständen, ein neugieriges Stöbern, verbunden mit Staunen und oder amüsierten Schmunzeln. So verblüffen die Makrofotografien von Maulwurfkrallen. Sie hängen riesig vergrößert an der Wand und erlauben so dem Betrachter eine ganz neuartige Erfahrung. Naturmaterialien werden mit industriell vorgefertigten Versatzstücken kombiniert, egal ob Sauger aus der Masttierhaltung oder Latexspenden einer ehemals Rumpenheimer Dildo-Fabrik. Es wird gesammelt, neu kombiniert und so mit neuartigen Subtexten versehen. Es gibt Reihungen und Serien, wie die Hostien, die mit Heiligenbildern versehen an der Wand aufgereiht hängen. Oder die Serie „Target-Tassen“: Plastiktassen, Wegwerfware, in deren Grund kein Kaffeesatz, sondern kitschige Abbildungen, wie die eines röhrenden Hirsches, einer Gams oder Feldhasen zu entdecken sind. Die niedliche Grafik wird jedoch gestört durch die Überlagerung eines Zielvisiers. So liegt im Idyll das Grauen. Manches Ausgestelltes kommt poppig kitschig, harmlos daher, doch schaut man genauer, lässt sich ein feines Gefühl von Entfremdung von Mensch und Natur feststellen. „Kunst muss Belang haben“, so Silke Andrea Schmidt, die durchaus diese sozialkritische Ebene zulässt, in der sich das gestörte Verhältnis von Mensch, Tier und Natur ablesen lässt. Ihre Ängste unterscheiden sich nicht vom kollektiven Unbehagen, das die Gesellschaft erfasst hat. Mäuschen, Hasen und Rehkitze sind in der Ausstellung bedeckt mit neuen Stoffen, mit Haaren, Federn oder Stroh, scheinbar unkenntlich gemacht und transformiert. Die Künstlerin spielt mit den Regeln der Natur und schafft mit ihren Geschöpfen artifizielle Vielfalt. Fazit: Das Natürliche kann unglaublich sein. Silke Andrea Schmidt, 1969 in Offenbach geboren, lebt in Mühlheim. Die Ausstellung ist ihre Abschlusspräsentation in dem freien Bereich „Bildhauerei“ bei Prof. Wolfgang Luy.
Arbeitstitel der ausgestellten Objekte (Auswahl) Matratzen, Fischtrichter, Nerzhostienkissen (Passionskissen), Pistolen (oblivion), Vogelhäuschen, Kakteen, Hamstertablett, Kabelbinderbett (insomnia), gefiedertes Bett (space), Kokons, Kapselhauben, Erlen-Mardergatter, Krebs-Salzkästchen, kleine Sammeldosen, Zahnkiste, fliegender Hausschwamm, Schlingpflanzenkleid, Kätzchenlöffel, Sacknester, Tupferwurzel, Wachskartoffel, Muff, Netzfladen, Gerberaständer, Kapselbecher, Flaschenständer, Pflastertier, Kreuzbügel, Rothasen, Saugervasen, Federgans, Telefon, Knochenleimteller, target-Tassen, Moosquadrate, Mullsamen, Beutelsterne, Federjesus, Torftabletten, Sandteller, archangelsk, Netzschuhe, Latexkugelnester, Löwenzahn-kissenstuhl, Liebeskugelregal, Meisenbäume, Europalegenestaltar, Nester, Zuckerhalter, Rehfußständer, Rosshaartasche, Federballfilterkannen, Graskästen, Kofferjesus, Blasen, Hostienpasspartouts, Glasnudelfisch, Mull-Kohlehügel, Samenbett, Mullkreuze, Brombeerbogen, Sternschnuller, Krebsschale, Passionsschuhe, Granatbabys
Katalog "Wunderkammer_und alles Fleisch wird zu Gras..." (pdf = 6 MB) |
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